MIM (ehemals PSSM2): Den Stoffwechsel in einer modernen Welt verstehen
MIM (ehemals PSSM2): Den Stoffwechsel in einer modernen Welt verstehen Vorab: Ein Wort zu den Begrifflichkeiten Ob man nun an die Diagnose „MIM“ glaubt, PSSM2 sagt oder diese neuen Begrifflichkeiten kritisch hinterfragt: Die Symptome des Pferdes sind real. Ein Name für das Kind ändert nichts an der Tatsache, dass viele Pferde heute klamm gehen, […]
12 April 2026
MIM (ehemals PSSM2): Den Stoffwechsel in einer modernen Welt verstehen
Vorab: Ein Wort zu den Begrifflichkeiten
Ob man nun an die Diagnose „MIM“ glaubt, PSSM2 sagt oder diese neuen Begrifflichkeiten kritisch hinterfragt: Die Symptome des Pferdes sind real.
Ein Name für das Kind ändert nichts an der Tatsache, dass viele Pferde heute klamm gehen, Berührungsempfindlichkeiten zeigen oder unter muskulären Spannungen leiden, die wir uns oft nicht erklären können. Es gibt Pferde, die einen positiven Test haben, aber keine Symptome zeigen – und es gibt Pferde, die im Test negativ sind, aber das volle klinische Bild aufweisen.
Am Ende ist der Name der Diagnose zweitrangig. Was zählt, ist die Beobachtung, dass das System Pferd in unserer modernen Welt oft an Grenzen stößt. Der folgende Text soll helfen, die Zusammenhänge dahinter zu verstehen und Wege aufzuzeigen, wie wir den Stoffwechsel unserer Pferde entlasten können – ganz egal, welchen Namen wir dem Problem geben.
Struktur statt Zucker – Das Missverständnis PSSM1
Lange Zeit wurde fast alles unter dem Sammelbegriff PSSM2 zusammengefasst. Heute wissen wir: Während PSSM1 ein Speicherproblem ist, handelt es sich bei MIM um ein Strukturproblem der Muskelfasern.
Doch auch PSSM1 zeigt uns die Herausforderungen der Moderne. In der Natur findet ein Pferd „Heu am Halm“ – frisch, wasserreich und in ständiger Bewegung aufgenommen. Das ist biologisch etwas ganz anderes als unser Heu im Ballen: Durch die Trocknung und den Pressvorgang verändern sich die Dichte der Nährstoffe und die physikalische Struktur des Futters deutlich. Pferde sind von Natur aus Energiesparer; sie bewegen sich im „Slow-Motion-Modus“ Schritt für Schritt von Halm zu Halm. Dieser stetige, niedrige Stoffwechseltakt ist genau auf diese natürliche Struktur des Futters ausgelegt. In unserer Haltung trifft konzentrierte Energie (auch im Heu) auf einen Motor, der meist im Standgas läuft. Wenn diese langsame Dauerbewegung fehlt, wird eine hocheffiziente Überlebensstrategie der Natur ungewollt zur Belastung für die Zelle.
Wenn der Körper „Nein“ sagt: Die Symptome
Was häufig als Unart fehlinterpretiert wird, ist in Wahrheit oft ein körperliches Signal für Überlastung:
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Bewegungseinschränkungen: Klammer Gang, Schwierigkeiten in der Versammlung, Galoppprobleme („Bunny Hop“) oder plötzliches Explodieren aus dem Nichts.
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Körperliche Zeichen: Muskelzittern, unerklärlicher Muskelschwund (Dellen) und extreme Berührungsempfindlichkeit beim Putzen oder Satteln.
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Alltagsprobleme: Wenn das Aufhalten der Beine beim Hufeschmied zur Qual wird oder das Pferd eine sehr lange Phase braucht, um sich im Schritt „einzulaufen“.
Der Brandbeschleuniger: Stress und soziale Struktur
Da wir die Grundnahrung oft nicht perfekt anpassen können, werden die anderen Faktoren umso wichtiger. Stress ist der größte „Brandbeschleuniger“ für muskuläre Probleme.
Der Verlust des Familienverbands
Pferde brauchen für ein stabiles Nervensystem ihre natürlichen Familienstrukturen. In der Natur bleiben sie meist im Verband zusammen. In unserer modernen Welt werfen wir fremde Pferde ständig neu zusammen. Dieser soziale Stress ist für ein MIM-Pferd oft das Zünglein an der Waage. Da Muskeln und Nerven direkt gekoppelt sind, führt dieser Druck zu einer permanenten muskulären Grundspannung. Das Mikrobiom reagiert sensibel, und der Stoffwechsel kann ins Stocken geraten.
Die Illusion des „idealen“ Stalls
Auch ein gut gemeinter Offenstall kann Dauerstress bedeuten, wenn das Pferd keine echte tiefe Ruhe findet. Man muss ehrlich sein: Manchmal ist eine gut geführte Box der einzige Ort, an dem ein MIM-Pferd wirklich entsannen kann. Es geht nicht darum, was „theoretisch“ besser ist, sondern darum, wo das individuelle Pferd wirklich regenerieren kann.
Chemie, Synthetik und das Ende des isolierten Denkens
In der besten Absicht versuchen wir heute, Defizite unserer ausgelaugten Umwelt durch Zusätze auszugleichen. Doch auch das bringt neue Herausforderungen mit sich.
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Die Last technischer Bausteine: Wir füttern Mineralfutter, um dem Tier alles zu geben, was ihm fehlt. Doch egal ob organisch oder anorganisch – es sind meist technisch hergestellte, isolierte Zusammensetzungen. Diese isolierten Bausteine werden vom Körper anders verarbeitet als natürliche Nährstoffverbünde. Diese tägliche Last kann ein empfindliches System zusätzlich fordern.
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Umweltgifte: Pestizide im Futter, Rückstände im Trinkwasser sowie regelmäßige Einflüsse wie Wurmkuren und Impfungen sind für den Organismus Prozesse, mit denen er umgehen muss – und die das Mikrobiom mit beeinflussen können. Ist der Darm gestresst, gerät das System trotz bester Fütterung in eine Mangelversorgung, weil die Nährstoffe nicht mehr dort ankommen, wo sie gebraucht werden.
Fazit: Resilienz durch Vielfalt und Entlastung
Wir können die moderne Welt nicht perfekt machen. Wir müssen mit dem Heu im Ballen und den Hochleistungsgräsern leben. Aber wir können dem Pferd helfen, damit umzugehen:
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Vielfalt statt Isolation: Das Mikrobiom braucht ein breites Spektrum an natürlichen Impulsen. Eine vielfältige, naturnahe Fütterung bietet dem Körper echte Nährstoffverbünde statt isolierter Laborwerte.
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Individuelle Stressreduktion: Ein Umfeld schaffen, das zum jeweiligen Pferd passt, um die muskuläre Grundspannung zu senken.
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Verständnis statt Vorwurf: Wir können die Industrialisierung nicht rückgängig machen, aber wir können den Stoffwechsel gezielt entlasten und so die Lebensqualität unserer Pferde nachhaltig sichern.
Wenn wir Vielfalt und natürliche Langsamkeit wieder in den Fokus rücken, geben wir dem Pferd die Kraft zurück, sich in unserer modernen Welt wieder selbst zu regulieren.
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