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Perilla im Pferdefutter – Was die häufig zitierte Studie tatsächlich untersucht hat
Perilla im Pferdefutter – Was die häufig zitierte Studie tatsächlich untersucht hat In den vergangenen Tagen wurde in den sozialen Medien intensiv über Perilla diskutiert. Dabei wird häufig eine wissenschaftliche Arbeit der Tierärztlichen Hochschule Hannover als Beleg dafür angeführt, dass Perilla-Samen für Pferde problematisch seien. Solche Diskussionen zeigen, wie wichtig es ist, Quellen nicht nur […]
16 Juni 2026
Perilla im Pferdefutter – Was die häufig zitierte Studie tatsächlich untersucht hat
In den vergangenen Tagen wurde in den sozialen Medien intensiv über Perilla diskutiert. Dabei wird häufig eine wissenschaftliche Arbeit der Tierärztlichen Hochschule Hannover als Beleg dafür angeführt, dass Perilla-Samen für Pferde problematisch seien.
Solche Diskussionen zeigen, wie wichtig es ist, Quellen nicht nur zu verlinken, sondern auch genauer hinzuschauen.
Denn Wissenschaft beantwortet immer ganz konkrete Fragestellungen. Und manchmal unterscheiden sich die Fragen, die untersucht wurden, von den Schlussfolgerungen, die später daraus gezogen werden.
Was wurde untersucht?
Die häufig zitierte Dissertation der Tierärztlichen Hochschule Hannover beschäftigt sich mit einer schweren Lungenerkrankung beim Pferd.
Im Mittelpunkt der Untersuchung stand das sogenannte Perilla-Keton. Dieser Stoff wird seit vielen Jahren mit Lungenschäden bei Weidetieren in Verbindung gebracht.
Die Arbeit zeigt deutlich, dass Perilla-Keton erhebliche Auswirkungen auf die Lunge haben kann.
Daran besteht kein Zweifel.
Was wurde nicht untersucht?
Mindestens genauso interessant ist die Frage, welche Fragestellungen nicht Bestandteil der Arbeit waren.
In der Dissertation wurden keine handelsüblichen Saatenmischungen untersucht.
Es wurden keine Perilla-Samen über das Futter verabreicht.
Es wurde nicht untersucht, welche Mengen eines möglichen Inhaltsstoffs in reifen, getrockneten Samen enthalten sind.
Und es wurde keine Aussage darüber getroffen, ob Perilla-Samen in Futtermischungen für Pferde sicher oder unsicher sind.
Die Arbeit untersucht die Wirkung von Perilla-Keton.
Sie untersucht nicht die Verwendung von Perilla-Saat in einer konkreten Futtermischung.
Warum dieser Unterschied wichtig ist
In vielen Diskussionen wird häufig von der Pflanze auf jeden einzelnen Bestandteil der Pflanze geschlossen.
Doch Pflanzen bestehen aus unterschiedlichen Pflanzenteilen.
Blätter, Stängel, Wurzeln, Blüten und Samen können sich in ihrer Zusammensetzung erheblich unterscheiden.
Deshalb ist die entscheidende Frage nicht nur:
„Welcher Stoff wurde untersucht?“
Sondern auch:
„Welcher Pflanzenteil wurde untersucht?“
Doch selbst damit endet die Betrachtung noch nicht.
Wer sich mit Pflanzen, Kräutern oder Futtermitteln beschäftigt, weiß, dass die Zusammensetzung einer Pflanze von vielen Faktoren beeinflusst werden kann. Dazu gehören unter anderem:
die Art und Sorte der Pflanze,
die jeweilige Varietät,
der verwendete Pflanzenteil,
das Reifestadium,
Klima und Standortbedingungen,
Bodenbeschaffenheit,
der Erntezeitpunkt,
Verarbeitung und Trocknung,
Lagerung und Haltbarkeit.
Deshalb ist die Aussage „Diese Pflanze enthält Stoff X“ häufig nur ein erster Schritt und noch keine vollständige Bewertung.
Aus wissenschaftlicher Sicht stellt sich immer die Frage:
Welche Sorte wurde untersucht? Welcher Pflanzenteil? In welchem Reifestadium? Unter welchen Bedingungen? Und in welcher Konzentration?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lassen sich Studienergebnisse sinnvoll einordnen und auf konkrete Produkte oder Futtermittel übertragen.
Zwischen Risiko und Nutzen
Viele Pflanzen enthalten Stoffe, die unter bestimmten Umständen problematisch sein können.
Gleichzeitig werden dieselben Pflanzen oder einzelne Pflanzenteile seit langer Zeit in unterschiedlichen Kulturen genutzt.
Auch Perilla ist hierfür ein interessantes Beispiel.
Während in der aktuellen Diskussion vor allem mögliche Risiken einzelner Inhaltsstoffe im Vordergrund stehen, werden Perilla-Samen in verschiedenen Regionen Asiens seit Jahrhunderten als Lebensmittel verwendet. Auch in traditionellen Medizinsystemen wie der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) finden sich Beschreibungen und Erfahrungen im Zusammenhang mit Perilla und ihren Samen.
Ein weiterer Aspekt wird in der aktuellen Diskussion häufig übersehen. Perilla-Samen werden nicht nur als Lebensmittel genutzt, sondern finden sich auch im europäischen Futtermittelkatalog als gelistetes Futtermittel wieder. Allein daraus lässt sich weder eine Unbedenklichkeit noch ein Risiko für Pferde ableiten. Es zeigt jedoch, dass die Betrachtung komplexer ist als ein einfaches „gut“ oder „schlecht“ und dass zwischen Pflanze, Pflanzenteil, Verarbeitung, Anwendung und Dosierung differenziert werden sollte.
Gerade deshalb lohnt sich eine differenzierte Betrachtung.
Weder jede Warnung noch jede Empfehlung sollte automatisch zu einer pauschalen Bewertung der gesamten Pflanze führen. Entscheidend sind immer der konkrete Pflanzenteil, die verwendete Menge und die Datenlage, auf die man sich bezieht.
Was wir aus der Studie lernen können
Die häufig zitierte Dissertation der Tierärztlichen Hochschule Hannover liefert wichtige Erkenntnisse über Perilla-Keton und dessen Auswirkungen auf die Lunge.
Die Frage, welche Rückschlüsse daraus auf Perilla-Samen in Futtermischungen gezogen werden können, wird durch diese Arbeit jedoch nicht beantwortet.
Eine wissenschaftliche Arbeit kann nur die Fragen beantworten, die tatsächlich untersucht wurden.
Nicht mehr.
Aber auch nicht weniger.
Fazit
Die aktuelle Diskussion rund um Perilla zeigt vor allem eines:
Die Natur ist selten schwarz oder weiß – und wissenschaftliche Fragestellungen sind es meist ebenfalls nicht.
Die häufig zitierte Studie zeigt, dass Perilla-Keton schwere Lungenschäden verursachen kann.
Sie beantwortet jedoch nicht die Frage, ob Perilla-Samen in Futtermischungen für Pferde ein Risiko darstellen.
Gerade deshalb lohnt es sich, Quellen genau zu lesen und zwischen dem zu unterscheiden, was untersucht wurde – und dem, was später daraus abgeleitet wird.
Denn gute Wissenschaft beginnt oft genau dort, wo einfache Antworten enden.
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